2014-12-09

",Industrie 4.0' schränkt ein. Sprechen wir doch von Chancen und Ideen"


Die Politik hat Industrie 4.0 als Schlagwort entdeckt. Im Gespräch mit Industrie-Experten von Siemens, SAP, der Telekom Austria, des Logistikum Steyr, Weidmüller und Harting, haben wir diskutiert, wie es in der Realwirtschaft aussieht? Wo stehen Österreichs Betriebe und was muss sich ändern, damit sie im Wettbewerb bestehen?

Es heißt, Industrie 4.0 ist die große Revolution. Nun spricht man seit Jahren davon, Revolutionen passieren aber in der Regel spontan. Was läuft schief?



Kurt Hofstädter, Industrie-Vorstand Siemens Österreich: Mir gefällt der Ausdruck Revolution nicht. Es bedeutet einen Bruch und einen ungewissen Ausgang. Wenn wir unseren Kunden eine Industrieanlage liefern, geht es um eine Verbindung zur Vergangenheit und Investitionssicherheit auf Jahrzehnte.

Gerhard Zeiner, COO SAP Österreich: Ich schließe mich an, mit dem Begriff kann man sich nichts kaufen. Wir werden deshalb Szenarien schaffen müssen, die durch die Informatisierung einen Mehrwert in der erweiterten Wertschöpfungskette liefern. Dann ist unerheblich, über welchen Begriff man gesprochen hat.

Franz Staberhofer, Logistikum Steyr: Der Grundgedanke des Internets der Dinge ist eine Revolution. Im Internet wurde etwas von der physischen Welt abgeschaut - der Datenhighway. Man spricht von Paketen, die standardisiert verschickt werden. Nun wird überlegt, den realen Warenfluss nachzubauen. Mit standardisierten Seecontainern und offenen Warenhäuser, wie Server in der IT. Dieses Konzept lässt sich distributionsseitig und bei der Versorgung denken. Das ist eine Revolution. Sie wird aber noch 25 Jahre dauern.

Jasmine Arjasto-Riederer, Geschäftsführerin Harting: Wir dürfen nicht vergessen, es handelt sich um Industrie. Umstellungen in der Produktion funktionieren eben nicht von heute auf morgen. Unternehmen produzieren seit Jahren gleich. Jetzt langsam muss die Wende für neue Technologien geschaffen werden. Wir dürfen es nicht wegdiskutieren, aber es wird lange dauern.

Phat Huynh, Direktor der Telekom Austria M2M: Das Thema brodelt doch im Hintergrund. Es bilden sich bereits Projekte. Die Digitalisierung von Anlagen findet statt, aber erst im überschaubaren Umfeld eines einzigen Wertschöpfungsteilnehmers. Der nächste Schritt wird sein, dass diese Ketten miteinander vernetzt werden. Dann wird man von einer Revolution sprechen.

Josef Kranawetter, Geschäftsführer Weidmüller: Die Revolution ist doch bereits auf dem Weg. Die Vernetzung von Maschinen ist ein Thema. Da passiert Wertschöpfung in Märkten, die wir als Industrieautomatisierer nicht kennen, nämlich im Telekombereich und in der IT.

Und doch klingt es in der Runde noch entspannt. Haben Sie keine Bedenken, dass neue Firmen auf den Plan treten, die das Feld von Grund auf umkrempeln?

Zeiner: Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben. Mit der Digitalisierung der Produktion haben wir als SAP eine enorme Chance, neue Lösungen anzubieten, die bahnbrechend sein können. Natürlich spielen auch Start-ups eine wesentliche Rolle. Es ist aber genügend Platz für neue Player. Das belebt.

Huynh: Start-ups werden hier das Eis brechen. Aber Industrie 4.0 ist nicht ein Ersatz für das, was heute existiert. Wir brauchen nach wie vor Mechanik, Robotik, Produktionsanlagen. Und dort ist eine Kompetenz gefragt, die ein Start-up in wenigen Jahren nicht aufbauen kann. Die Frage ist also, wie lassen sich diese Ebenen verbinden.

Hofstädter: Sogar die Großindustrie beschäftigt sich doch längst mit Start-ups. Wir schauen, wo die Besten in ihrem Feld sind, und integrieren sie. Und wir sind auch schon bei der Industrie, vielleicht noch nicht bei 4.0, aber bei 3.8. In unserem Elektronikwerk in Amberg, Deutschland, wird alles vollautomatisch gefertigt. Jetzt muss das in die Breite, auf die KMU-Ebene, gebracht werden. Da geht es um Konkurrenzfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit.

Zeiner: Man muss hier sogar noch einen Schritt weitergehen. Der Nukleus ist die Produktion und die Logistik. Aber entscheidend wird sein, die Wertschöpfungskette bis zum Konsumenten oder zum Endpunkt auszudehnen. Auch das ist das Wesen dieser Entwicklung, dass man Wertschöpfungsketten völlig neu aufziehen kann.

Industrie 4.0 wurde in Deutschland sogar als politisches Ziel ausgerufen. Wie sieht es in Österreich aus?

Huynh: Wir beliefern viele Bauunternehmen mit Telematiklösungen, um den Zustand der Baumaschinen zu erfassen. Da geht es nicht nur um präventive, sondern um punktgenaue Wartung. Der nächste Schritt ist, nicht nur die Wartungszeit zu reduzieren, sondern auch die Auslastung zu steigern. Ein Bagger wird oft nur zu fünf Prozent genutzt.

Staberhofer: Nehmen Sie C-Teile, also alle Teile, die wenig Wert haben wie Schrauben. Hier bekommt der Lieferant ein Zeichen, wenn ein Kistchen leer ist. Die Produktion ist mit der Software des Lieferanten vernetzt. Europa wächst ja nicht, es geht also darum, neue Wege zu finden, um gleich viel Gewinn zu machen. Ins Service zu gehen, ist eine Möglichkeit.

Vom Service als neuer Umsatzquelle ist in vielen Branchen die Rede. Wie viel bringt es für die Industrie?

Staberhofer: Ein Energieerzeuger hat vor zehn Jahren 95 Prozent seines Umsatzes aus der Energiegewinnung gemacht. Heute sind es in etwa 50 Prozent. In manchen Staaten sind es noch 30 Prozent. Die Welt ist viel mehr bereit zu teilen, als man glauben könnte. Manche sagen, ich möchte einen Bagger. Viele sagen, ich möchte eine Leistung. Das müssen wir aufgreifen und nutzen.

Hofstädter: Die Frage ist, wie weit wir sind. Hier ist die Situation ähnlich wie in Deutschland. Viele Betriebe liefern der deutschen Automobilindustrie zu, diese können bald nicht mehr anders arbeiten. Die Teile müssen nachvollziehbar werden. Da geht es darum, ob wir wettbewerbsfähig bleiben.

Also ist es doch ernster: Was braucht Österreich als Standort für die Wettbewerbsfähigkeit?

Kranawetter: Wer eine Krise in der Logistik erlebt hat, merkt schnell, dass es an der Kommunikation liegt. Auch bei der Industrie 4.0 steckt hier der Schlüssel. Aber die Ausbildung ist darauf nicht abgestimmt.

Zeiner: Eben, es geht gar nicht darum, dass Millionenbeträge in Innovation gesteckt werden müssen. Was geändert werden muss, sind die motivatorischen Rahmenbedingungen. Das sind oft kleine Ansätze, wir brauchen Brutstätten der Innovation. Vater oder Mutter Staat hat die Aufgabe, etwas zu tun.

Staberhofer: Zu viel Geld ist manchmal schädlich. Man braucht nicht auf die Politik zu verweisen, sondern auf die Aufsichtsräte. Wir brauchen in diesem Umbruch wieder mehr Mut. Es gilt nicht, das EBIT im nächsten Jahr um zehn Prozent zu steigern, sondern es gilt, was es in zehn Jahren bringt. KMU trauen sich hier oft mehr als große Unternehmen.

Huynh: Es ist doch kein Entweder-oder. Beim Breitband brauchen wir Infrastruktur, das kann man nicht der Privatwirtschaft überlassen. Auf der anderen Seite sind Manager gefragt. Auch ATX-Unternehmen brauchen Innovation. Österreich hat den Zug aber noch nicht verpasst. Österreich stellt höherpreisige Produkte her, die Lücke wird zwar kleiner, aber noch ist es nicht zu spät.

Staberhofer: Eben. Dafür brauchen wir aber vielleicht auch neue Vokabel. Industrie 4.0 schränkt ein. Sprechen wir doch von Chancen und Ideen 4.0, dann würden wir mehr auf neue Geschäftsmodelle und den Markt, der sich dahinter verbirgt, schauen.

Zeiner: Ich habe bereits beschlossen, ich werde den Begriff 2015 nicht mehr verwenden. Jetzt geht es um die Umsetzung. Der Begriff war als Impuls ja ganz gut, nun muss es aber wirklich weitergehen. Jetzt sollten alle die Umgestaltung angehen.



Zur Person

Phat Huynh. Seit 2011 ist Huynh Managing Director der Telekom-Austria-Tochter Telekom Austria Group M2M GmbH.

Kurt Hofstädter. Bei Siemens Österreich ist Hofstädter Vorstand Industry CEE. Seit 2014 leitet er auch die Division Industrie-Automation.

Josef Kranawetter. Kranawetter ist bei Weidmüller Österreich-Geschäftsführer. Das Unternehmen ist auf Verbindungstechnik und Elektronik spezialisiert.

Jasmine Arjasto-Riederer. Seit 1985 ist das Unternehmen der Harting-Gruppe in Österreich aktiv. Arjasto-Riederer leitet den Betrieb.

 Franz Staberhofer. Staberhofer ist Leiter des Logistikum Steyr, einer Forschungseinrichtung der FH Oberösterreich, und Experte für Supply Network Design.

Gerhard Zeiner. Der Wirtschaftsinformatiker ist Chief Operating Officer bei SAP Österreich. Zudem ist er in der Geschäftsführung für Innovation und CSR zuständig.

Das Gespräch erschien in der e-Business-Beilage des WirtschaftsBlatt

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