2014-12-22

Brett King: „Banken sind wie Öltanker“



Die Finanzbranche ist im Umbruch, sagt Bestseller-Autor und Start-up-Gründer Brett King. Jetzt geht es darum, sich auf neue Kunden einzustellen, neue Produkte zu entwickeln und vor allem neue Kundengruppen zu erschließen.  



Herr King, Ihr Befund ist recht drastisch. „Why Banking Is No Longer Somewhere You Go But Something You Do”, also die Bank ist kein physischer Ort mehr, den man aufsuchen kann, sondern eine Handlung, die man setzt, so lautet der Titel zu einem Ihrer Bücher. Aber wie sieht sie dann aus, die Bank der Zukunft, wenn es nichts mit dem heutigen System zu tun hat?

C: WB Günther Peroutka
Brett King: Die Bank der Zukunft ist nicht eine einzige Bank, sondern vielmehr handelt es sich um eine Sammlung unterschiedlicher Apps, die zu einer Banking-Plattform zusammenwachsen. Wir wollen weiterhin Geld überweisen, wir schätzen die Möglichkeit Geld sicher aufzubewahren. Wir benötigen den Zugang zu Krediten. Also die Funktionen brauchen wir auch weiterhin. Aber die Art, wie wir auf diese Funktionen zugreifen, wird sich stark ändern. Es gibt in vielen Ländern unter dem Begriff Smart Money auch bereits erste Ansätze. Diese unterscheiden sich aber sehr dramatisch von bestehenden Geschäftsmodellen, wie dem klassischen Girokonto. Traditionelle Bankprodukte werden verschwinden, zugunsten nützlicher Produkte. Wenn man beispielsweise an Kreditkarten denkt, gibt es nur vier Gründe, warum man sie benutzt. Man hat kein Bargeld zur Hand, oder man möchte etwas auf Kredit kaufen. Auf Reisen dienen sie dazu, in Landeswährung zu zahlen, ohne Geld wechseln zu müssen und man kann mit Kreditkarten Begünstigungen bekommen, zum Beispiel bei Fluglinien.
Das ist doch ganz nützlich. Wie wird es künftig aussehen?
Bezahlen wird kontextuell. Geht man in ein Geschäft, bekommt man entweder Bargeld oder in Echtzeit einen Kredit. Auf Reisen kann man mit einer App die Transaktionen in Fremdwährungen organisieren und Gutscheine kommen künftig direkt auf das Handy. Für diese Anwendungen braucht man bald keine Kreditkarte mehr. Beim Banking geht es künftig eher um die zugrunde liegende Plattform.

Und wie erzielen Banken künftige Umsätze?

Das ist ein großes Problem. Aktuell gibt es das Basiskonto, damit erwirtschaften Banken aber nicht ihre Umsätze. Deshalb bieten sie dieses Produkt an, in der Hoffnung, dass Kunden sie kennenlernen und dann Kredite und Investmentprodukte kaufen. Dieses Modell des Cross-Sellings ist aber ein Geschäftsmodell, das von Millenials, den Teenagern der 1990er und 2000er Jahre, nicht genutzt wird. Diese Kundengruppe wählt nach dem besten Service oder Produkt aus. Sie sind einfach nicht mehr so loyal, wie ihre Eltern. Die Bank bleibt da auf ihrem nicht profitablen Basisprodukt sitzen. Sie könnten in diesem Umfeld aber App-Betreibern eine Plattform bieten. Vertrieb und Service werden nämlich bald getrennt. Das Frontoffice wird bei einem App-Betreiber virtuell, die Bank macht aber nach wie vor die Risikobewertung und die Verwahrung des Geldes.

Das heißt, eigentlich müssten Banken ganz neue Kundengruppen erschließen?

Ja, sie müssen andere Organisationen einbeziehen, die die Endkunden besser erreichen. Apple und Google sind gute Beispiele. Aber auch soziale Netzwerke, Telekom-Unternehmen, Sportartikelhersteller oder andere Händler; all das sind potenzielle Partner, die in den Banking-Prozess integriert werden können. Ein Haus kauft man vom Immobilienmakler. Das wäre ein guter Platz, um auch gleich über ein Darlehen zu sprechen. So könnte der Prozess effizienter und einfacher gemacht werden. Das Bank-Erlebnis wird in alltägliche Orte integriert und wird bald dort stattfinden, wo wir die Bank auch tatsächlich brauchen.

Müssen dann auch bestehende Services umgestellt werden? Also muss man künftig für das Basis-Konto mehr bezahlen?

Wir sehen einen starken Druck in Richtung transparente Produkte. Es wird simplere Produkte geben. Kunden befürworten das. In der Finanzkrise haben wir ja gelernt, wir können den Banken nicht mehr vertrauen. Und wenn ich ein Produkt nicht verstehe, kann ich auch diesem Produkt nicht trauen. Millenials sagen, wenn mir jemand das Produkt erklären muss, dann ist es vielleicht von Beginn an zu komplex. Also statt auf Ausbildung setzt der Kunde von morgen auf die richtigen Werkzeuge, die die Produkte erklären. Das ist ein sehr zentraler Wechsel. Die Produkte werden intuitiver, einfacher aber auch nützlicher. Diese Art der Simplifizierung findet in der Finanzbranche auch bereits statt. Viele Start-ups setzen genau hier an.

Und welches dieser Start-ups wird sich durchsetzen? Also wer macht der Bank die größte Konkurrenz?

Einige der großen Banken werden sicher bestehen bleiben. Die werden den Wandel schaffen. Viele investieren ja auch bereits sehr stark in Start-ups und in neue Geschäftsmodelle. Aber Banken sind eben wie Öltanker oder große Ozeanriesen – wenn sie Fahrt aufgenommen haben, sind sie sehr sicher. Sie können aber kaum den Kurs wechseln. Start-ups sind da eher wie Speedboote, die sehr oft Richtung wechseln können. Richtige Probleme bekommen aber vor allem die kleineren Banken. In den USA hat jedes zweite Institut eine Bilanzsumme von weniger als einer Milliarde US-Dollar. Diese Banken haben wirklich Probleme. Aber allein in den USA gibt es rund 14.000 Banken, da muss ja noch eine Konsolidierung kommen.

Wie sieht es mit den anderen Konkurrenten aus? Auch Telekom-Betreiber, Hardware-Hersteller und Kreditkartenfirmen wollen doch ein Stück vom Kuchen.

Bisher brauchte man zum Bezahlen die Konto- und die Kartennummer. Das ist aber nicht besonders sicher. Der Trend geht in Richtung Token und NFC-Technologie. Über einen Token ist eine Nummer nur einmal gültig. Das ist viel sicherer und der Kunde bekommt in Echtzeit eine Rückmeldung über den Bezahlvorgang. Kreditkartenunternehmen gehen in Richtung dieser Tokens. Aber diese Unternehmen sind noch viel stärker unter Druck. Denn wenn es einfach möglich ist, mit dem Handy zu zahlen und die Transaktion weg vom Bank-Netzwerk hin zu einer neuen Art Netzwerk vieler Smartphones wandert – Handys werden in diesem Netzwerk selbst zu Knotenpunkten – braucht man diese Unternehmen nicht mehr. Wenn Mastercard und Visa, oder wie sie alle heißen, intelligent sind, werden sie mit Banken um die internationalen Transaktionen konkurrieren.

Und sind sie so smart?

Manche Kreditkartenunternehmen sind es, manche werden wohl länger brauchen, um sich anzupassen.

Zur Person: 
Brett King ist gebürtiger Australier wurde mit Büchern, wie BANK 3.0 – WhyBanking Is No Longer Somewhere You Go But Something You Do” und “BreakingBanks: The Innovators, Rogues, and Strategists Rebooting Banking” zum Bestseller-Autor und international gebuchtem Redner. Erfahrungen in der Branche hat er als Co-Gründer und CEO des Finanz-Start-ups Moven gesammelt. 
Er betreibt unter dem Titel "Breaking Banks" auch einen regelmäßigen Podcast.
 




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